
Mein Besuch in der Jugendanstalt Hameln
- Elisabeth Meyer
- 29. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt Orte, an denen fährt man jahrelang vorbei, ohne sie wirklich zu kennen.
Als Schülerin saß ich oft im Bus auf dem Heimweg aus Hameln nach Tündern. An der Haltestelle „Tündernsche Straße, Jugendanstalt“ stiegen manchmal Menschen aus. Ich habe mich dann immer gefragt: Wer sind diese Menschen? Wen besuchen sie? Welche Geschichten verbergen sich hinter diesen Mauern?
Heute durfte ich die Jugendanstalt Hameln an der Tündernschen Straße besuchen, zum dritten Mal. Das erste Mal war ich als Schülerin bei einem Sportwettkampf zu Gast, in diesem Frühsommer gemeinsam mit dem FC Landtag bei einem Fußballturnier. Diesmal stand jedoch etwas anderes im Mittelpunkt: ich wollte die Jugendanstalt als Einrichtung kennenlernen und verstehen, welche Aufgabe sie für unsere Gesellschaft erfüllt.
Anstaltsleiter Wolfgang Kuhlmann und Pressesprecher David Lamers nahmen sich viel Zeit, mir die verschiedenen Bereiche der Anstalt zu zeigen und offen über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven zu sprechen.
Mehr als ein Gefängnis
Eine Justizvollzugsanstalt steht für Sicherheit und Freiheitsentzug. Genauso wichtig ist jedoch das Ziel, das das Niedersächsische Jugendvollzugsgesetz vorgibt: junge Menschen auf ein straffreies Leben nach der Haft vorzubereiten und damit gleichzeitig die Bevölkerung zu schützen.
Die Jugendanstalt Hameln ist die größte Jugendanstalt Deutschlands und die einzige Einrichtung dieser Art in Niedersachsen. Junge Menschen aus dem gesamten Bundesland werden hier untergebracht, sowohl Untersuchungsgefangene als auch Verurteilte.
Mich hat beeindruckt, wie konsequent auf Bildung, Ausbildung und persönliche Entwicklung gesetzt wird. Und das auch mit Erfolg, in den vergangenen Jahren gab es mehrere Auszubildende, die in den Prüfungsergebnissen vor den Azubis aus den regulären Ausbildungsbetrieben lagen. Das geht nur, wenn hier menschlich und fachlich gut miteinander gearbeitet wird. Die Meister aus dem Bereich des Malerhandwerks haben mir Mut machende Einblicke in das Ausbilderwesen innerhalb der Jugendanstalt gegeben.
Perspektiven schaffen
Rund 290 Aus- und Weiterbildungsplätze sowie 80 Arbeitsplätze in Unternehmerbetrieben innerhalb der Anstalt eröffnen den jungen Gefangenen die Möglichkeit, Fähigkeiten zu entwickeln und sich auf ein Leben nach der Haft vorzubereiten.
Hinzu kommen schulische Angebote zum Haupt- und Realschulabschluss sowie therapeutische und verhaltensverändernde Maßnahmen.
Resozialisierung ist kein Selbstzweck. Sie ist ein wichtiger Beitrag dazu, dass Straftaten sich möglichst nicht wiederholen.
Dabei spielen auch Kooperationen mit externen Partnern eine wichtige Rolle. So arbeitet die Jugendanstalt unter anderem mit der Feuerwehr Aerzen zusammen, engagiert sich in der Deradikalisierungsarbeit und bietet unterschiedliche seelsorgerische Angebote an, evangelisch, katholisch und muslimisch.
Verantwortung und Disziplin
Sehr interessant war auch der Einblick in die Wohngruppe „Anstoß für ein neues Leben“, die von der DFB-Stiftung Sepp Herberger gefördert wird. Wer dort wohnen möchte, muss Verantwortung übernehmen und klare Regeln einhalten. Sport, Mitarbeit und Disziplin gehören selbstverständlich dazu. Schon ein Rauschgiftdelikt kann dazu führen, dass diese besonderen Privilegien wieder entfallen.
Neue Herausforderungen
Im Gespräch wurde auch deutlich, wie sich die Arbeit in den vergangenen Jahren verändert hat.
Ein Thema sind neue psychoaktive Substanzen, die zunehmend zu schweren psychiatrischen Erkrankungen bei jungen Gefangenen führen. Diese Entwicklung beobachten nicht nur die Justizvollzugsanstalten, sondern viele Bereiche unseres Gesundheits- und Sozialsystems.
Ebenso verändern technische Entwicklungen den Strafvollzug. Beispielsweise stellen Drohnen neue Anforderungen an die Sicherheit der Anstalt und machen zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich.
Auch Fragen des Bevölkerungsschutzes spielen eine Rolle. Die Jugendanstalt gehört zur kritischen Infrastruktur. Szenarien wie Stromausfälle oder andere Krisenlagen müssen mitgedacht und vorbereitet werden.
Die Menschen hinter den Mauern
Was mir an diesem Tag auch aufgefallen ist, war die Atmosphäre. Ich habe eine sehr gepflegte Einrichtung erlebt, engagierte Mitarbeitende und einen wertschätzenden Umgang miteinander. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass hier mit großem Engagement daran gearbeitet wird, jungen Menschen neue Perspektiven zu eröffnen.
Und auch Selbstkritik hatte ihren Platz. Wenn es in der Mehrheit der Fälle, so wie geplant läuft, ist nicht auszuschließen, dass Fehleinschätzungen passieren. So war auch die Jugendanstalt damit vor einiger Zeit konfrontiert. Bei meinem Besuch habe ich sehen können, wie komplex der Umgang mit Straftätern ist und mit wie viel Gewissenhaftigkeit hier in der Jugendanstalt Hameln gearbeitet wird.
Dabei habe ich nicht nur an die Insassen gedacht, sondern auch an die 467 Mitarbeitenden, die dort täglich Verantwortung übernehmen. Ich habe versucht verschiedene alltgäliche Szenarien zu verstehen und habe gesehen, dass sich hier alle Bediensteten aufeinander verlassen können.
Als Landrätin wäre ich nicht für den Jugendvollzug zuständig, dieser liegt in der Verantwortung des Landes Niedersachsen. Dennoch leben und arbeiten diese Menschen in unserem Landkreis. Auch sie gehören zu unserer Kreisgemeinschaft. Deshalb ist es mir wichtig zu wissen, wie ihre Arbeitsrealität aussieht und welche Entwicklungen sie beschäftigen.
Und noch eine Verbindung vom Landkreis zur Jugendanstalt
Vielen Menschen dürfte gar nicht bewusst sein, dass der Landkreis auch über den Anstaltsbeirat mit der Jugendanstalt verbunden ist. Die Mitglieder dieses ehrenamtlichen Gremiums werden auf Vorschlag des Kreistages vom Niedersächsischen Justizministerium berufen. Sie begleiten die Arbeit der Jugendanstalt, können sich ein eigenes Bild vom Vollzug machen und stehen den Gefangenen als unabhängige Vertrauenspersonen für vertrauliche Gespräche zur Verfügung. Gleichzeitig greifen sie Anregungen und strukturelle Fragestellungen auf und bringen diese gegenüber der Anstaltsleitung ein.
Auch wenn der Strafvollzug Aufgabe des Landes ist, zeigt dieses Gremium, dass der Landkreis Verantwortung mitträgt. Gerade diese Verbindung zwischen Justizvollzug und kommunaler Ebene ist wichtig. Menschen brauchen Ansprechpartner, denen sie Vertrauen schenken können. Gleichzeitig hilft der Blick von außen dabei, Entwicklungen wahrzunehmen und den Vollzug konstruktiv zu begleiten.
Als mögliche Landrätin ist es mir wichtig, solche Strukturen zu kennen und wertzuschätzen. Denn Resozialisierung findet nicht allein hinter Gefängnismauern statt, sondern ist immer auch eine Aufgabe unserer Gesellschaft.
Verantwortung heißt hinschauen
Ein weiterer Gedanke begleitet mich, wenn ich die Insassen vor Augen habe. Die Jugendanstalt befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Standort, an dem künftig das bedeutende touristische Projekt und Naherholungsgebiet „Tündernsee“ entstehen soll. Beide Nutzungen werden langfristig nebeneinander bestehen. Das erfordert Sensibilität, gute Planung und einen offenen Dialog aller Beteiligten.
Für mich gehören solche Besuche zu einer guten Vorbereitung auf das Amt der Landrätin. Ich möchte unseren Landkreis durch Begegnungen mit den Menschen, die ihn jeden Tag prägen, in Unternehmen, Schulen, Vereinen, Behörden und eben auch an Orten wie der Jugendanstalt Hameln, besser kennenlernen.
Gute Entscheidungen entstehen dort, wo man bereit ist zuzuhören, hinzusehen und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.



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