
3. Oktober 2026
Ich bin im Jahr 1987 geboren. Als die Mauer fiel, war ich zwei Jahre alt. Als Deutschland am 3. Oktober 1990 wiedervereinigt wurde, war ich drei. Für mich gab es deshalb eigentlich immer nur ein Deutschland.
Ich habe keine eigene Erinnerung an Schlagbäume zwischen Ost und West, an zwei deutsche Staaten und kenne es nur aus den Erzählungen meiner Familie, wie es war die Grenze von West nach Ost zu passieren. Die Erinnerungen daran sind ja auch bis heute präsent, wenn man bspw. auf der A2 aus Niedersachsen Richtung Berlin fährt.
Im Laufe meines Lebens habe ich erfahren, dass eine gemeinsame Grenze auf der Landkarte noch nicht automatisch bedeutet, dass alle Unterschiede verschwunden sind. Noch immer sprechen wir häufig von „Ost“ und „West“. Noch immer gibt es unterschiedliche Erfahrungen, Biografien und Sichtweisen.
Wenn ich persönlich an Ostdeutschland denke, denke ich an Orte und Menschen, die Teil meines Lebens geworden sind.
Ich denke an Hiddensee
Diese schmale Insel in der Ostsee ist für mich ein Sehnsuchtsort. Ich mag ihre Einfachheit, die Ruhe, die raue Landschaft und die starke Meeresbrandung und dieses Gefühl, dass dort vieles in diesem Land weit weg ist.
Heute fahre ich dorthin, ohne darüber nachzudenken, dass diese Selbstverständlichkeit einmal alles andere als selbstverständlich war.
Am Sonntag der Stichwahl habe ich den Dokumentarfilm Hiddensee im Kino gesehen. Ein Kunstwerk, das 100 Jahre deutsche Geschichte anhand dieser kleinen Ostseeinsel erzählt. Sehr sehenswert, hat mich abgelenkt und war dennoch aus politischer Sicht sehr interessant.
Ich denke an Berlin
Von 2008 bis 2010 habe ich dort gelebt. Das Berlin dieser Jahre ist schon wieder ein anderes als das Berlin von heute. Diese Stadt verändert sich permanent. Meine Zeit dort hat mich geprägt. Menschen, Freundschaften und Familie verbinden mich bis heute mit Berlin.
Ich denke aber auch an Sachsen und an meine Kirchengemeinde in Tündern
Schon während der deutschen Teilung bestanden Verbindungen zwischen Kirchengemeinden in Ost und West. Auch unsere Gemeinde hatte eine Partnergemeinde in Sachsen.
Aus einer solchen Verbindung sind für mich später persönliche Freundschaften entstanden. Mit Menschen dort verbinde ich Begegnungen und Glaubenserfahrungen, die mir sehr viel bedeuten.
Grenzen können Staaten trennen. Aber Menschen haben immer wieder Wege gefunden, Beziehungen aufzubauen und zu erhalten.
Und ich denke an meine Arbeit
Seit vielen Jahren organisiere ich Veranstaltungen und Projekte an Schulen, auch in Ostdeutschland. Dabei geht es unter anderem darum, Vorurteile abzubauen, Begegnungen zu ermöglichen, Selbstwirksamkeit zu stärken und jungen Menschen Mut zu machen.
Ich habe dabei sehr unterschiedliche Regionen, Schulen und Menschen kennengelernt. Deshalb stört es mich, wie manches Mal pauschal über „den Osten“ gesprochen wird. Ostdeutschland ist nicht einheitlich. Genauso wenig wie Westdeutschland einheitlich ist.
Natürlich gehören auch schwierige Erfahrungen und bis heute bestehende Unterschiede zur Geschichte der Deutschen Einheit. Sie dürfen nicht kleingeredet werden. Aber Ostdeutschland über seine Defizite zu beschreiben, tut diesem Teil Deutschlands Unrecht.
Für mich bedeutet Deutsche Einheit nicht, dass überall alles gleich sein muss. Einheit bedeutet, Unterschiede auszuhalten und trotzdem das Gemeinsame zu sehen. Einander zuzuhören, Erfahrungen ernst zu nehmen, neugierig aufeinander zu bleiben.
Die Deutsche Einheit wurde möglich durch Menschen, die den Mut hatten, für Freiheit und Demokratie einzutreten. Meine Generation hat diese Einheit geerbt. Unsere Aufgabe ist es diese Einheit mit Leben zu füllen: durch Begegnungen, Freundschaften, gegenseitigen Respekt. Und manchmal auch einfach dadurch, dass wir losfahren, einander besuchen und entdecken, wie viel es in unserem gemeinsamen Land zu sehen und voneinander zu lernen gibt.
Wenn ich heute die Bilder von Hiddensee anschaue, denke ich deshalb nicht an Ost oder West. Ich denke mir, was das für ein Glück ist, dass das alles unser gemeinsames Land ist und auch was für eine Verantwortung es ist, dieses Gemeinsame zu bewahren.
Die Einheit Deutschlands ist für mich keine abgeschlossene Geschichte. Sie ist ein Auftrag, einander nicht aus dem Blick zu verlieren.



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